VITA50plus

Themen: ,

Tango - Zeichen geben und antworten

am 09. November 2009

Tango ist Weltkulturerbe

Das beschloss die UNESCO in diesem Jahr. Sie nahm den aus Argentinien stammenden Tango in die Liste der schützenswerten immateriellen Kulturgüter auf.
Tango ist … ja, was denn eigentlich? Es hat unzählige Versuche gegeben, diesen einzigartigen Tanz zu beschreiben, in Worte zu fassen. Es gibt Dissertationen, die sich mit Tango befassen, Bücher und Fachzeitungen.

Tango ist Multi-Kulti

Der Mythos um den Tango beginnt bereits beim Ursprung des Wortes. Es ist nicht klar, wie der Begriff entstand. Waren die Trommeln der schwarzen Einwanderer, die Ende des 19. Jahrhunderts aus Afrika nach Argentinien kamen namensgebend oder stammt das Wort vielmehr von den kanarischen Inseln? Auch Portugal könnte Namensgeber sein. Dort gibt es den Ausdruck „tangere“. Er bedeutet berühren – eine schöne Begrifflichkeit im Zusammenhang mit diesem erotisch geprägten Paartanz.
Multi-Kulti – was für die Namensgebung gilt, setzt sich auch beim Tangotanz selbst fort. Der Tango wurde im Hafen von Buenos Aires geboren um das Jahr 1880. Angelockt von einem groß angelegten Einwanderungsprogramm der argentinischen Regierung kamen Menschen aus Afrika, Spanien, Italien, Polen und auch aus Deutschland in das südamerikanische Land. Die Hoffnungen der insgesamt 6 Millionen Neuankömmlinge zerplatzten wie eine Seifenblase, als sich die argentinischen Großgrundbesitzer gegen das Regierungsprogramm wehrten. Der Hafen von Buenos Aires wurde Auffangstation und Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen.
Tanzen und Musik machen war für viele dieser Menschen ein Weg, ein kleiner Hoffnungsschimmer aus der Armut. Die Afrikaner steuerten ihre Rhythmen bei, die Kreolen nahmen großen Einfluss auf den späteren Tango. Aus Polen kam die Mazurka – ein Volkstanz im 3/4-Takt -, aus Böhmen die Polka. Die Deutschen steuerten Walzer und Ländler bei und das später für den Tango so wichtige Instrument: das Bandoneon.
Aus diesem Gemisch entstand die Milonga – eine fröhliche Musik, nach der zunächst nicht getanzt wurde. Der Tango als „trauriger Gedanke, den man tanzen kann“ entstand erst später. Er ist Ausdruck der damals schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse der Einwanderer geprägt von Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Die Milonga-Musik wurde langsamer, der lockere fröhliche Fluss des Tanzes unterbrochen von „Schnitten und Brüchen“.
Das Klavier und das Bandoneon lösten Flöte, Violine und Gitarre, die transportablen Instrumente der durch die Straßen ziehenden Musiker mehr und mehr ab. Der Tango wurde sesshaft. Kneipen, nach dem Tango-Vorgänger Milongas genannt, waren Ort der Tanzveranstaltungen. Um 1890 bereits war der Tango fester Bestandteil der argentinischen Volkskultur.

Tango ist eine Erfolgs-Story

Auch wenn Papst Pius X. wetterte und den „sündigen Tanz“ seinen Gläubigen verbot – um die Jahrhundertwende (1900) begann der unaufhaltsame Aufstieg des Tango. Berühmte Tänzer gehörten dazu. Als der Vater „El Papa“ des Tango wird ein Mann namens Angel Gregorio Villoldo bezeichnet, ein Ureinwohner Argentiniens, aus einfachsten Verhältnissen stammend. Vom Fuhrmann, Schlachter und Zirkusclown – Stationen seines bewegten Berufslebens – gelang ihm der Sprung auf die Karriereleiter zum wohl bekanntesten aller Tango-Tänzer. Sein Name zierte Plakate und Tango-Partituren.
Kurz vor dem ersten Weltkrieg schaffte der Tango den Sprung nach Europa – zunächst in die Stadt, die als Trendsetter für Mode und Kultur noch heute einen hohen Status genießt: Paris. Mit Hilfe von Tanzlehrern und Choreographen wurde aus dem wilden, ursprünglichen Tango Argentino der Tango de salón, ein Standardtanz.
In der Zeit von 1935 bis 1955 erlebte der Tango seine Blütezeit. Die Argentinier hatten nun das Geld, um sich am Wochenende auf Tanzveranstaltungen zu amüsieren. Aus den Straßenmusikern, die zum Tango aufspielten, wurden Berufsmusiker. Gruppen von fünf Musikern wuchsen zu Orchestern mit bis zu 100 Mann Besetzung. Auf die Tänzer der ersten Stunde, die mit einem Hut ihr Salär einsammelten, folgten Profi-Tänzer, die die Schritte des Tango um Drehungen und Figuren erweiterten. „Wer tanzte, hatte einen Beruf. Er war kein Herumtreiber.“ Vom Tellerwäscher zum Millionär, diese Karriere gab es auch in Südamerika: vom mittellosen Einwanderer zum berühmten Tango-Tänzer.
Beat, Rock’n’Roll, Rock – Die moderne Musik, der sich die jungen Leute ab 1960 zuwandten, war der „Feind“ des Tango. Es wurde still um den Tanz.
1970. Militärputsch in Argentinien. Unzählige Argentinier flohen nun ihrerseits aus dem Land, beispielsweise nach Europa. Exil und Leid – erneut waren sie die (Wieder)-Geburtshelfer des Tango, dieses Mal in Europa. Seit dieser Zeit erlebt der wohl erotischste aller Tänze eine Renaissance.
Der Tourismus tut ein Übriges dazu, dass der Tango in seiner Heimat Argentinien heute wieder eine große Bedeutung hat, auch wirtschaftlich. Derzeit nehmen rund 150.000 Menschen regelmäßig in Buenos Aires Tango-Tanzunterricht. Viele von ihnen sind Tango-Touristen. Fast jeden Tag findet eine Tanzveranstaltung, eine Milonga irgendwo statt. Auch in Deutschland ist Tango ein Thema. In 110 deutschen Städten gibt es regelmäßigen Unterricht und Veranstaltungen. Mehr dazu in der deutschen Tango-Zeitschrift „Tango Danza“: www.tangodanza.de.
Tango Plakat

Tango – eine Zutat aus Deutschland

… und diese ist heißt Bandoneon. Ein Bandoneon ist DAS Musikinstrument, ohne das beim Tango gar nichts geht. Das Bandoneon ist ein abgewandeltes Harmonium, umgangssprachlich als „Quetschkommode“ bekannt. Erfunden wurde das Bandoneon vom Krefelder Musiklehrer Heinrich Band, der dem Instrument praktischerweise gleich seinen Namen gab. Band kaufte in Böhmen den Vorgänger seines Banoneons, die sogenannten Konzertinas in großer Anzahl und baute sie von 54 auf 64, 88 und später sogar 100 Töne um. Verkauft hat Band seine Bandoneons ausschließlich in Krefeld, im Musikgeschäft seines Vaters, das er später übernahm.

Tango – so geht’s

Improvisation und Baukastenprinzip sind die Schlagworte zum Tango-Tanzen. Feste Regeln gibt es beim Tango nicht – außer vielleicht einer: es wird entgegen dem Uhrzeigersinn getanzt. Was die Figuren betrifft, so können die Tänzer aus einer Vielzahl verschiedener Schrittkombinationen und Drehungen auswählen und diese ganz nach Belieben zusammen stellen. Hauptsache, man(n) ist sich mit seiner Partnerin einig. Der Baukasten enthält so klingende Namen wie: Ocho, die Acht, die grundsätzlich von der Frau getanzt wird, daneben Voleo, Colgadas, Sacadas und so fort.
Tango besteht aus acht Zählzeiten, wobei die Betonung auf 1 und 3 liegt. Der Tanz ist eine Kombination aus Schritten, Drehungen und Figuren, zu denen beispielsweise Beinhaken in der Luft, mit dem Fuß gemalte Figuren, Fußschieber und sogar das Kippen nach vorn in die nächste Bewegung gehören. Brüche und Schnitte, Zeichen geben und antworten, ein ganz individueller Paartanz – das ist Tango. Worte können ihn nicht beschreiben. Tango will gefühlt, will erlebt werden.
Text: Sylvia Kleimann

             
© 2012 VITA50Plus | Impressum | Home nach oben