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Nestflüchter - Nesthocker

am 29. September 2009

Die Zeit zwischen Pampers und der Tatsache, dass ein Auszug, eine Trennung ins Haus stehen, ist im Rückblick schnell vergangen. Alles kommt nun so plötzlich und scheint unwiederbringlich. In der Tierwelt teilt man den Nachwuchs in zwei Kategorien ein. Je nachdem wie sie von der Natur ausgestattet werden in Nestflüchter und Nesthocker. Diese Einteilung kann durchaus auch auf Menschenkinder übertragen werden.

Von Natur aus sind sie natürlich Nestflüchter. Aber es gibt durchaus auch Nesthocker. Besonders die erwachsenen jungen Männer schätzen das „Hotel Mama“ in immer stärkerem Maße.Während die Nesthocker zunächst keine Probleme bereiten, kann eine Familienstruktur erheblich gestört werden, wenn aus der Familie wieder eine Zweierbeziehung wird.

Das Nest ist leer

Der Phase und deren Folgen, wenn die Kinder den familiären Haushalt verlassen, hat die amerikanische Familienforschung in den 60er-Jahren einen Namen gegeben. Das „Empty Nest“ also das „Leere Nest“, ist somit bezeichnend für eine strukturelle Veränderung innerhalb einer Familie: die räumliche Trennung von Eltern und Kind(ern).
Durch den gesellschaftlichen Wandel der letzten 50 Jahre ist der Trend erkennbar, dass der Auszug der Kinder die Eltern zu einem immer späteren Lebenszeitraum trifft. Dies ist auch bedingt vor allem durch den späten Zeitpunkt der Erstgeburt. Bekamen Frauen in den 50er-Jahren noch mit Anfang 20 ihr erstes Kind, liegt das Durchschnittsalter heute bei knapp 30 Jahren. Die höhere Lebenserwartung schafft hier einen gewissen Ausgleich.
Hinzu kommt, dass sich der Auszug der Kinder aufgrund verlängerter Ausbildungszeiten und unsicherer Zukunftsperspektiven nach hinten verschoben hat. Doch auch wenn sich das familiäre Nest immer später leert: Die Phase der aktiven Elternschaft ist heute etwa genauso lang wie die Phase der Nachelternschaft. Das heißt, dass Eltern nach der Familienphase noch 30 bis 35 Jahre Zeit für eine glückliche Zweierbeziehung haben. Bei früheren Generationen war in der Regel das Erwachsensein der Kinder am Ende des eigenen Lebens angesiedelt.

Die ambivalente Gefühlswelt der Mütter

Das leere Nest schafft in der Regel zunächst Verwirrung. Wo stehen wir und wo wollen wir hin? Wie führen wir unser Leben ohne Kinder? Diese Fragen warten auf eine Antwort. Diese Antwort kann und wird ganz unterschiedlich ausfallen. Für Mütter ist, je nachdem ob sie in dem Beruf Hausfrau und Mutter ihre Erfüllung fanden oder außer Haus beruflich gearbeitet haben, die Gefühlslage sehr unterschiedlich. Die einen verlieren eine jahrzehntelang gelebte Aufgabe, die anderen eine jahrzehntelange Doppelbelastung. Trotzdem trifft der Trennungsschmerz die Mütter im besonderen Maße, aber in unterschiedlicher Stärke.
Eine ambivalente Gefühlswelt prägt bei den meisten Müttern die unmittelbare Zeit im leeren Nest. Einerseits freuen sich die Mütter über die Entlastung und Ruhe, andererseits fehlt der Lärm und das kindliche Chaos, welche das Familienleben bis dahin geprägt haben. Und in allem mischt sich die Sorge, wie kommt mein Kind alleine klar? Neuere Forschungen haben aufgezeigt, dass allerdings die Mehrheit der Mütter den Auszug der Kinder akzeptiert und den neu gewonnenen Freiraum und die Arbeitsentlastung in Haushalt und Erziehung genießt. Die Fähigkeit, den Auszug der Kinder als eine selbstverständliche Entwicklungsphase zu bewerten und positiv damit umzugehen, ist stark mit der eigenen Zufriedenheit von Müttern verbunden.
Für Frauen beginnt ein Veränderungsprozess. Alte Rollen müssen aufgegeben werden und neue Rollen gefunden werden. Frauen erhalten die Chance, sich neu zu orientieren. Das kann eine berufliche Veränderung beinhalten, zum Beispiel der Wechsel in eine Vollbeschäftigung, aber auch ganz individuelle Lebensentwürfe können realisiert werden.

Schwierigkeiten sind neue Möglichkeiten auch für Väter.

In der Regel gehen Väter mit der Entleerung des gemeinsamen Nestes gelassener um. „Er/Sie ist doch nicht aus der Welt…“, so oder ähnlich könnte die rationale Sichtweise eines Vaters lauten, wenn die Ehefrau ihren Trennungsschmerz über den Auszug der Kinder äußert. Doch auch Väter haben es nicht immer leicht, loszulassen. Die Kinder gehen, wenn der berufliche Alltag sich allmählich entspannt, das Familieneinkommen gesichert ist und mehr Zeit für die Familie da wäre. Oft wird dann die versäumte Zeit mit den eigenen Kindern später mit den Enkeln nachgeholt.
Allerdings kommt auf die Ehemänner eine große Herausforderung zu. Der Wandel von der Ehefrau und Mutter zu einer emanzipierten Partnerin mit eigenen Ansprüchen kann gewaltig irritieren. Nach statistischen Erhebungen findet die erste Krise innerhalb von Partnerschaften in der Babyzeit der Kinder, die zweite große Krise in der Zeit des „ leeren Nestes“ statt. Viele Ehen zerbrechen in dieser zweiten Krise, wie die Scheidungsstatistik aufweist. Doch eine Trennung muss nicht sein, wenn Paare sich den Anforderungen stellen und miteinander Pläne für eine neue Form des Zusammenlebens aufstellen. Die gewonnenen Freiräume und die finanzielle Entlastung geben dem Leben neue Möglichkeiten. Spontane Ausflüge, lang ersehnte Reisen, das Familienauto wird zu einem schicken Kleinwagen und im Kinderzimmer ist Platz für neue Hobbys. Neue Möglichkeiten für ein Leben zu zweit.

Das Nest leert sich nicht

Die Kehrseite der Medaille sind die Nesthocker. Sie verändern das Familienleben nur indirekt. Sie nehmen den Eltern gewissermaßen die Chance, noch einmal loszustarten. Aber das „Hotel Mama“ liegt im Trend. Nach Erhebungen des statistischen Bundesamtes ist es vor allem bei jungen Männern sehr beliebt. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum die Trennung aus dem Elternhaus sich so individuell gestaltet. Doch trotz aller Schwierigkeiten bei der Zahlen- und Ursachenanalyse, ist in Deutschland der „typische Nesthocker“ nach Angaben der Erziehungswissenschaftlerin Christiane Papastefanou wissenschaftlich identifiziert: Er ist männlich, ledig, gebildet und hat gut verdienende Eltern. Dieser Typ hat festgestellt, dass sich seine lange Ausbildungszeit und seine hohen finanziellen Ansprüche besonders komfortabel dadurch verbinden lassen, dass er bei seinen Eltern wohnen bleibt.
Karin Hehner-Rügge

             
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