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Mein Haus, mein Auto, mein Boot...

am 13. Juli 2010

Ein Haus haben Sie schon? Auto auch? Sogar zwei? Lassen Sie das mal nicht die Umweltschützer hören. Spaß beiseite. Jeder von uns, der noch kein Boot sein eigen nennt, träumt doch wohl davon, auf einer schönen Yacht dem Sonnenuntergang entgegen zu segeln. Oder etwa nicht?

Sie kennen doch ganz bestimmt die Fernsehwerbung, in der ein schon deutlich ergrautes Paar auf einem eleganten Motorboot über das türkisfarbene karibische Meer gleitet. Und alles von diesem Finanzunternehmen mit dem roten S bezahlt. Oder waren es die, die den Weg frei machen? Ist völlig egal, denn, um ganz ehrlich zu sein: Wenn es nicht unbedingt die schrecklich warme Karibik mit diesen ewigen Kokos-Palmen an jeder Ecke und den endlosen weißen Stränden sein müsste, könnte ich mir das schon sehr lebhaft vorstellen. Mit meiner eigenen kleinen Segeljacht in der dänischen Südsee – die heißt wirklich so – herum kreuzen und abends im Hafen ein kühles Carlsberg zu genießen. Lieber heute als morgen würde ich diesen Traum in die Tat umsetzen.

In zwei Punkten aber haben die Marketingexperten der Finanzunternehmen Recht: Alle Menschen haben Träume und viele dieser Wünsche lassen sich erst später im Leben erfüllen.
So träumte ein guter Freund von mir seit unserer gemeinsamen Studentenzeit von einem netten kleinen Cabrio. Unmittelbar nach dem Studium überraschte er uns alle mit der Mitteilung, er habe sich einen italienischen Zweisitzer mit Stoffverdeck zugelegt. Wir waren ein wenig verwundert, da seine Lebensgefährtin bereits seit längerem den gesamten Freundeskreis mit ihrem Kinderwunsch beglückte. Irgendwie konnten wir ihre Pläne nicht so recht mit seiner Anschaffung eines flotten Sportwagens in Einklang bringen. Aber des Rätsels Lösung war sehr simpel: Der italienische Zweisitzer, von dem mein Freund sprach, entpuppte sich als Zwillings-Kinderwagen eines damals sehr populären Herstellers aus dem Land, in dem die Zitronen blühen. Mit Faltverdeck.

Das Familienauto fiel dann entsprechend eine Nummer größer aus und deutlich weniger sportlich. Und ohne Faltverdeck. Mittlerweile sind die Zwillinge erwachsen, ausgezogen und stehen auf den so oft zitierten eigenen Beinen. Und konsequenterweise fährt mein Freund jetzt einen kleinen Zweisitzer mit Faltverdeck – diesmal allerdings die „echte Ware“. Es hat halt einige Jahre gedauert, ganz sicher hat sich das Warten aber gelohnt. Es ist ein wirklich schöner Wagen. Und die lange Zeit davor ist ja nicht gerade verschwendet und verloren, wenn man eben mal ein Haus gebaut, zwei Kinder groß gezogen und selbige auf den richtigen Weg gebracht hat. Und sowieso heißt es ja: „Besser spät als nie.“

Der ideale Zeitpunkt für die Realisierung von Träumen scheint für viele gekommen zu sein, wenn das Haus – mindestens zum größten Teil – abbezahlt ist und die Kinder aus dem Ärgsten raus sind. Also ausgezogen sind und ihren eigenen Unterhalt bestreiten können. (Meistens sind sie zu diesem Zeitpunkt auch schon volljährig.) Nicht wenige Menschen begeben sich dann auf große Fahrt.

Die Tourismusbranche hat den Braten längst gerochen und spricht von den Best Agern, wenn sie maßgeschneiderte Angebote für diejenigen unter uns anbietet, die jüngst durch den Auszug des Nachwuchses finanzielle und zeitliche Freiräume gewonnen haben.

Studienreisen zu den Pyramiden in Ägypten oder auf die Akropolis, Hiking-Touren im Himalaya oder Sonnenbaden auf Bali, das Angebot ist ebenso vielfältig wie die Vorstellungen der Kunden. Und für die Individualisten empfiehlt sich vielleicht die Anschaffung eines Wohnmobils. Für die Kurzurlaube an den Wochenenden und die große Sommertour durch Europas Süden.

Andere nutzen den neuen Freiraum für die Intensivierung ihrer Hobbys. Das frei gewordene Zimmer wird zur Modelleisenbahnlandschaft umfunktioniert und vielleicht ist endlich Zeit und Geld für ein eigenes Pferd vorhanden. Vorausgesetzt natürlich, es gibt keine pferdeverrückte Tochter, die es ihrer Mutter – oder ihrem Vater – niemals verzeihen würde, dass das seit dem achten Lebensjahr heiß ersehnte Pferd prompt Zugang in den Kreis der Familie findet, sobald sie selbst das Haus verlassen hat. Dann ist es besser, sich gleich ganz nach Mallorca oder Madeira abzusetzen. Was allerdings für die meisten ein Traum für noch später sein dürfte. Ein bisschen arbeiten müssen wir vor der Rente ja noch.

Nicht immer müssen Träume groß sein. Downsizing – auf deutsch müsste das so in etwa kleinmachen heißen – kann auch ein langgehegter Wunsch sein. Wie ein Arbeitskollege von mir es gemacht hat: Kaum hatten die lieben Kleinen das Nest verlassen, wurde das Reihenhaus im ruhigen und familienfreundlichen Vorort gegen eine komfortable Stadtwohnung in Gehweite zu Theatern, Cafés und anderen kulturellen Annehmlichkeiten eingetauscht.

Voilà. Und fortan muss er nicht mehr den Rasen mähen und die Hecke schneiden, sie nicht mehr den Gartenzaun streichen und jemand anderes darf die zehn Tonnen Schnee vor der Garage wegschaufeln. Zugegeben, der vergangene Winter war eine Ausnahme, ist aber hervorragend zur Veranschaulichung geeignet.

Weniger kann eben manchmal mehr sein. Und oft geht es auch mit ganz wenig. Zwar sind in unserer konsum-orientierten Gesellschaft die meisten Begehrlichkeiten mit Geld verbunden, jedenfalls wenn wir der bunten Welt der Werbung Glauben schenken. In Wirklichkeit sind viele Träume auch ohne finanziellen Aufwand zu realisieren. Wie wäre es zum Beispiel mit etwas Kreativem? Schreiben Sie einfach das Buch, von dem Sie schon so lange träumen. Fangen Sie an zu malen – so schwer ist das gar nicht. Und so mancher Laiendarsteller belebt die regionale Kulturszene mit ungeahnten Fähigkeiten. Oder Sie nehmen sich einfach ganz viel Zeit für sich selbst. Möglichkeiten gibt es so viele wie es Träume gibt, man muss sich nur trauen.

Meine eigenen Kinder brauchen nur noch ein paar Jahre, bevor sie das Haus verlassen. Und dann werde ich … nein, nein. Das verrate ich Ihnen nicht. Leben Sie lieber Ihren eigenen Traum. Denn die eigenen Träume sind immer die schönsten. Stefan Schwarck

             
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