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Thema:

Lebenskrise als Chance

am 26. Juli 2010

Jeder der Menschen, die ich über meine Anzeige „Krise als Chance – Suche Betroffene und Helfende“ kennenlernte, hat das erlebt, was viele Menschen in ihrem Leben durchmachen müssen: eine Krise. Es gibt wohl kaum einen Lebenslauf, der komplett gerade verläuft, kaum ein Lebens-Schiff, das nicht auch einmal oder sogar mehrfach in mehr oder minder schwere stürmische See gerät. Die alles entscheidende Frage ist nur: Wie gehe ich mit der Krise um?

Die Bedeutung des Wortes Krise kann hier schon erste Aufschlüsse geben. Das Wort Krise stammt von dem lateinischen Wort „crisis“ und bedeutet Scheidung, Streit, aber auch Entscheidung und Urteil. In einer Krise fällt auch eine Entscheidung – zumeist über den weiteren Lebensweg. Im Chinesischen ist das Wort für Krise und Chance ein und dasselbe.

Was genau ist eine Krise?

Eine Krise ist ein zeitlich begrenzter Notfall im Leben. Es gibt Krisen ganz unterschiedlicher Art: finanziell, sozial und gesundheitlich. Jeder Krise ist zu Eigen, dass sie das Leben des Menschen einengt, seinen Fokus auf ein bestimmtes Problem lenkt – die Ursache der Krise. Bisherige Verhaltensstrategien im Leben greifen nicht mehr. Die Krise erzeugt Druck. Es erfolgt eine gefühlte Einengung des gesamten Lebens. Diese Enge, dieser Druck zwingt zum Innehalten, Umdenken, anders Handeln. Und hier liegt auch die Chance. Die Krise fordert zu Entwicklungsschritten auf, mehr noch: Krise erzwingt Entwicklung.

Krisen sind stets individuell. Während es so manchen Menschen bereits in eine kleine Krise stürzt, wenn die Ampel drei Mal hintereinander auf Rot springt und er daraufhin den Beginn des Champions-League-Spieles verpasst, behält ein anderer den Kopf noch oben, wenn er an Krebs erkrankt, und wird sogar – im Falle des Rennradfahrers Lance Armstrong – nach überstandener Krankheit selbst zum Champion.

Zwei Menschen, die sich objektiv gesehen in der gleichen Situation befinden, reagieren völlig unterschiedlich – für den einen ist die große Krise angebrochen, für den anderen nur der normale Alltagstrott. Warum Menschen so unterschiedlich mit Krisen umgehen können, erfahren sie später im Text.
Krise – während der eine sich vom Balkon stürzt, packt der andere das Schicksal beim Schopf. Er nimmt das Ruder des schwankenden Schiffes in beide Hände und steuert auf neue, andere und manchmal sogar bessere Lebensziele zu.

Sie und ich ziehen vermutlich die zweite Variante vor – nämlich an der Krise zu wachsen. Das ist nicht einfach, erscheint sogar fast unmöglich, wenn man gerade mitten drin steckt … in der Krise.
Ein erster Schritt ist hier das Verstehen. Wissen ist Macht, heißt es so schön. Das gilt auch für die Krisenbewältigung. Zu wissen, was passiert, gibt Handlungskompetenz.

Krisengeschüttelte sind oftmals der Meinung, dass ihr Schicksal, ihre Krise individuell, einzigartig … in diesem Fall schlimm ist. Das ist gefühlt richtig, objektiv jedoch falsch.
Krisen verlaufen nach einem festen Muster. Die „Krisen-Forscherin“ Prof. Dr. Verena Kast, Jahrgang 1943, Psychologin und Psychotherapeutin, Professorin des C.G Jung Instituts in Zürich, Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie und mehrfache Buchautorin, ist der Krise auf die Schliche gekommen.

Kast zufolge laufen Krisen in vier Phasen ab. Ich habe sie der Verständlichkeit halber etwas umbenannt in:

1. Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens

Typisch für diese Phase ist ein Gefühl der Leere. Empfindungslosigkeit. Der Mensch ist wie versteinert. Der Schmerz wird abgespaltet. Dies geht hin bis zur Verleugnung von Tatsachen.

2. Phase der Emotionen

Alle zuvor abgeschalteten Gefühle brechen wie eine Welle über den Menschen herein. Angst, Schmerz, Trauer, Wut, Schuldgefühle. Sie ist geprägt von großer Unruhe, Träumen, Schlafstörungen. Die Krise spitzt sich zu. Es ist kaum auszuhalten. Am Ende dieser Phase kommt der Lichtblick, die Chance in der Krise. Kast nennt es den „schöpferischen Sprung“.

3. Phase der Trennung

Gemeint ist hier sowohl die ganz praktische Trennung – z.B. von einem Partner, einer Arbeitsstelle, Abschied von einem Verstorbenen – als auch die gedankliche Trennung, der innere Abstand: Akzeptieren des Geschehens/der Krankheit, Reflektion über das bisherige Leben, daraus entstehend sogar Dankbarkeit für das in der Vergangenheit Dagewesene.
Ziel dieses „Gipfelsturms“ ist die Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben.
Nur mit Abstand, dem inneren Abstand, kann der Mensch aus einem neuen, anderen, weiteren Blickwinkel auf sein Leben schauen und künftig andere Entscheidungen treffen, was zur nächsten Phase überleitet:

4. Phase der Neuorientierung

Der Schmerz wird losgelassen. Neue Werte entstehen, neue Beziehungen werden geknüpft und – ganz wichtig für das Gelingen der Zukunft – neue Verhaltensweisen werden erprobt. Diese Phase ist die entscheidende. Hier werden die Weichen gestellt für ein Lernen aus der Krise. Sie ist zugleich für manche Menschen auch die schwierigste, denn: Der Druck ist weg, die Aufgabe der Krisenbewältigung an sich erledigt. Jetzt entscheidet sich, ob der Mensch zurückfällt in alte Muster oder die Chance aus der Krise erkennt und für sich nutzt.

Die Übergänge der vier Phasen sind oftmals fließend. Zeitangaben zu machen, ist unmöglich – so gern ich das auch für alle Leidenden, Hoffenden tun würde. Krisen sind immer individuell. Das 4-Phasen-Modell – übrigens keine Erfindung von Kast, sondern auch von anderen Psychologen vertreten – findet sich in jeder Krise wieder.

Manche Wissenschaftler, genannt sei hier der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erik Homburger Erikson (1902–1994), der ein Entwicklungsstufen-Modell der menschlichen Entwicklung entdeckte, gehen über die Annahme, dass Krisen das Leben begleiten, sogar noch hinaus. Krisen, so kann man Erikson interpretieren, sind der Motor des Lebens. Sie führen dazu, dass sich der Mensch weiterentwickelt.
Nur, wer auf Hindernisse stößt, stellt fest, dass er sie überwinden kann. Oder, wie eine von mir zu ihrer Krise Befragte sagte: „In einem glatten Leben passiert auch nicht viel in der persönlichen Entwicklung.“
Mit diesem Wissen, dass es stets Licht am Ende des Tunnels gibt, ist es umso tragischer, dass manche Menschen die Phasen 3 und 4, bei denen der Krisen-Geschüttelte tatsächlich wie ein Phönix aus der Asche auferstehen kann, nicht durchleben – weil sie in der Trauer oder Schuldzuweisung hängenbleiben – und im schlimmsten Falle des Sich-vom-Balkon-Stürzenden nicht einmal erleben.

„Die Krise hat mich stärker gemacht“, diesen Satz von Rosemarie B., die ihren Mann verlor, können diese Menschen nicht sagen. Wie kommt es, dass der eine Betroffene scheitert, der andere aber am Schicksal wächst? Sind es wirklich nur „die Gene“?

Natürlich gibt es auch hierzu Forschungen unterschiedlichster Art. Eine ausgesprochene wichtige Studie zum „krisen-resistenten“ Menschen wurde vor rund 20 Jahren in Bielefeld durchgeführt. Im Mittelpunkt des Tests stand die sogenannte Resilienz: die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen ohne dauerhafte Beeinträchtigungen.

Das Ergebnis dieser Studie ist zunächst einmal die gute Nachricht für alle, die ein liebevolles, unterstützendes Elternhaus hatten mit festen Bezugspersonen und einem sozialen Umfeld, das die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit förderte und schützte. Dieser Start ins Leben ist ein wichtiges Fundament, um auch zukünftig Krisen gut zu überstehen. Der Haken daran: Es ist nicht jedem gegeben. Entweder man hatte dieses Glück oder nicht.

Sehr viel mehr in den Bereich der eigenen Kontrolle gehen die weiteren Eigenschaften, die einen „Krise als Chance“-Kandidaten ausmachen: – Intellektuelle Fähigkeiten und Kreativität – Fähigkeit zur Bewertung und Analyse von Situationen, damit verbunden: vorausschauendes Denken und Handeln – „Steh-Vermögen“, Aushalten können, Durchhalten, bis ein Ziel erreicht ist – Flexibilität (dies ist zu dem Vorgenannten kein Widerspruch) – Soziale Kompetenzen, die dazu führen, sich ein unterstützendes soziales Umfeld zu schaffen und Hilfe zu holen – Ein positives Selbstkonzept = Selbstliebe verbunden mit der Stärkung des Selbstwertgefühls – … und nicht zuletzt und zugegeben in der Krise manchmal schwer zu entwickeln: Humor und Optimismus
Das positive Selbstkonzept gehört für meinen Geschmack an die erste Stelle. Es ist das Fundament, auf dem die Zukunft gebaut wird.

Diese Zukunft, die sich in Phase 4 der Krise eröffnet, möchte ich Ihnen in der nächsten Ausgabe der Vita50plus an zwei Fallbeispielen aufzeigen. Zu Wort kommen neben Betroffenen auch ein Psychologe/Coach sowie ein Experte in Sachen Schuldnerberatung.
Text: Sylvia Kleimann

             
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