Thema: Gesellschaft
Krisenzeiten sind Wandlungszeiten
am 28. Juli 2010
In der letzten Ausgabe ging es darum, das Wesen einer Krise und ihre unterschiedlichen Phasen zu verstehen. Kurz gefasst: Eine Krise ist eine Situation, gegenüber der sich der Betroffene hilflos fühlt und meint, nicht angemessen darauf reagieren zu können. Die bislang erlernten und erprobten Lebensmuster und Handlungsstrategien passen bzw. greifen nicht mehr. Es ist Zeit für eine Änderung.
Im Rückblick sagen viele Betroffene, dass sie schon lange gespürt haben, dass sie in ihrem Leben etwas verändern müssen. Aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus – ich spreche hier bewusst nicht von Bequemlichkeit, denn das trifft den Kern nicht – zogen sie es vor, in alten Strukturen verhaftet zu bleiben: Beruf, Partnerschaft oder Lebensführung allgemein (Beispiel: Ernährung, Rauchen – die bekannten Laster und kleinen oder großen Sünden). Irgendwann kommt für viele der Punkt, dass das Leben oder das Schicksal, wie immer man es nennen mag, die Führung übernimmt und einen Blitz aus heiterem Himmel schickt. Die Krise ist da. Der Betroffene ist nun gezwungen, sich zu verändern.
In diesem Artikel möchte ich den Blick auf die CHANCE in der Krise richten. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – schwere Krankheiten mit tödlichem Verlauf beispielsweise – besteht für den krisengeschüttelten Menschen die Möglichkeit, seine Lebenskrise als Herausforderung anzunehmen und die Veränderungen, die schon lange fällig waren, in die Tat umzusetzen. Wer kompetent mit einer Krise umgehen kann, wird an ihr wachsen. Diese Kompetenz kann man lernen.
Die Komfortzone – Sicherheit statt Säbelzahntiger
Schauen wir uns zunächst einmal an, warum so viele Menschen bewusst in Lebensumständen, Verhaltensmustern, Angewohnheiten stecken bleiben, die ihnen ganz offensichtlich schaden. Selbst wenn sie die negativen Auswirkungen erkennen und einräumen – was im Übrigen ein großer Schritt in Richtung Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist – schaffen sie es nicht, sich aus dem „alten Trott“ zu lösen. Warum?
Wer nun als Antwort sofort ein „zu faul“, „zu bequem“ auf den Lippen hat und an den inneren Schweinehund, den wir nachher noch zähmen werden, denkt, liegt falsch. Zugegeben: Die Menschen sind unterschiedlich. Manche sind leistungsfähiger, anpassungsbereiter, willensstärker als andere. Aber auch der fleißigste, willigste, hart an sich arbeitende Mensch hat immer wieder mit einem Phänomen zu kämpfen: dem inneren Widerstand. Dieser Widerstand trifft unisono alle Menschen (nicht nur die vermeintlich „Schlechteren“) – irgendwann, irgendwie, früher oder später.
Der innere Widerstand ist allen Menschen zu Eigen. Eine meiner Lieblingsbuchautorinnen, Barbara Sher, die das empfehlenswerte Buch „Wishcraft“ schrieb, behauptet, dass dieser Widerstand so alt ist wie die Menschheit selbst. Sie schreibt ihn bereits den Steinzeitmenschen zu, denen dieser Widerstand das Überleben sicherte. Sie führten ein ohnehin gefährliches Leben und verabscheuten daher jede Art von Abenteuer.
Eine Veränderung der Lebensumstände ist zunächst einmal ein Abenteuer. Unsere Vorfahren vererbten uns, laut Sher, ein „Anti-Abenteuer-Gen“. Dieses schaltet sich jedes Mal ein, wenn es um Veränderung geht, und warnt: „Stopp! Hier droht Gefahr! Lieber nicht!“
Ein Verharren in alten Mustern ist daher beileibe nicht nur mit Faulheit oder Bequemlichkeit oder gar Dummheit zu begründen, sondern beruht auf einem tief in uns allen verwurzelten Streben nach Beständigkeit und Sicherheit.
Leider ist dieses „Anti-Abenteuer-Gen“ so stark, dass es Menschen auch in für sie negativen Verhaltensweisen festhält.
Und da steht er jetzt in voller Größe: der „innere Schweinehund“
„Manchmal haben wir eine Idee, was wir im Grunde unseres Herzens gern tun würden, wenn es allein nach unseren Wünschen ginge. Doch wir arbeiten weiter an Dingen, die keine Bedeutung für uns haben. … und hoffen wir, eine gute Fee käme vorbei und würde uns helfen, das zu tun, wonach wir uns im Innersten sehnen. Doch wir kleben fest im Alltagstrott … von der guten Fee keine Spur!“ (Oliver Fritsch, Autor und Coach)
Daraus folgt: Packen wir das Leben an, bevor es uns (hart) „anpackt“ … mit einer handfesten Krise. Und wenn sie schon da ist, die Krise? Dann heißt es durchhalten – bis zur Phase 4 (s. letzte Vita50plus-Ausgabe). In Phase 4, der Neuorientierung, müssen wir ihm ins Auge sehen: dem inneren Schweinehund!
Schweinehunde gehen Gassi!
Zunächst war ich versucht, als Zwischenüberschrift „Schweinehunde an die Leine!“ zu schreiben. Die Handlungsanweisung dazu würde dann in etwa so aussehen: notwendige Veränderungen vornehmen mit 1. 2. 3. … 17.
Die endlose, freudlose „To do-Liste“. Jeder kennt sie.
Ergeht es Ihnen so wie mir? Schon beim Lesen verzieht sich das Gesicht, als ob ich in eine Zitrone gebissen hätte. Aua! An die Leine/Liste – das tut weh.
Kurz: Mit Gewalt lässt sich der Schweinehund nicht zähmen. Viel besser: Umgarnen Sie ihn, wiegen Sie ihn in Sicherheit. Die liebt er doch so sehr. Schon folgt er freiwillig.

Tipp: Für eine Krisenbewältigung im großen Stil ist der von Lebens- und Business-Coach Burkhard Heidenberger, Wien, erfundene „Überraschungstopf“ nicht geeignet. Aber den kleinen Schweinehund, der sich sträubt, z.B. notwendige Aufräumarbeiten, die schon lange geplanten sportlichen Aktivitäten, das immer wieder aufgeschobene Projekt endlich anzugehen, eignet er sich durchaus. Bauanleitung für den „Überraschungstopf“: Nehmen Sie viele kleine Zettel und schreiben auf jeden eine Mini-Aufgabe, die Ihnen hilft, ihrem Ziel näher zu kommen. Nehmen Sie – je nach angestrebtem Genussfaktor – genau so viele, mehr oder weniger kleine Zettel und schreiben Sie darauf eine Belohnung: Eis essen gehen, einen Cappuccino beim Italiener trinken, ein Mittagsschläfchen halten usw. Stecken Sie alle Zettel zusammen in ein großes Bonbonglas. Ziehen Sie täglich (schon zu viel?) oder alle zwei Tage (auch zu viel) oder 1 x pro Woche einen Zettel. Sie werden sehen, dass Ihr Schweinehund viel weniger rebelliert, weil er weiß, dass der Topf auch etwas Nettes für ihn enthält.
Umgarnen können Sie Ihren „inneren Schweinehund“ auf unterschiedliche Arten – die auch durchaus kombiniert
werden sollten. Der Schweinehund mag Belohnungen. Der Schweinehund mag kleine Schritte. Und der Schweinehund will unbedingt wissen, wohin die Reise geht. Sie brauchen ein Ziel, für das sich die Anstrengung lohnt. Umgarnen Sie ihn also mit immer wieder verabreichten Belohnungen, ganz kleinen Schritten und einem erstrebenswerten Ziel.
1. Aufgabe: Finden Sie Ihr Ziel!
Wie wollen Sie ankommen, wenn Sie kein Ziel haben? Nur wer seinen Hafen kennt, kann die Segel richtig setzen. Das hört sich logisch an, nicht wahr? Dennoch ist es so, dass viele Menschen ohne Ziel durch ihr Leben … nein, nicht segeln, sondern … treiben. Es ist kein Wunder, dass sie dann ab und zu „vom Winde verweht“ werden durch eine handfeste Lebenskrise. Wie man ein Ziel findet, dazu gibt es viel zu sagen. Das Thema füllt dicke Bücher. Hier einige Übungen zur Zielfindung in Kürze: Finden Sie heraus, worin Sie am besten sind/Ihre persönlichen Qualifikationen. Befragen Sie sich und befragen Sie andere dazu. Schreiben Sie Ihre Kompetenzen auf. Ein guter Weg ist immer, zu schauen, bei welcher Tätigkeit ihr Herz hängt? Wobei kommen Sie in einen Flow, einen Arbeitsfluss, der Sie die Zeit vergessen lässt? Schreiben Sie 20 Dinge/Tätigkeiten auf, die Sie gern tun. Auch die „1-Million-Euro-Frage“ ist ein guter Hinweis auf versteckte Wünsche und Potentiale: Was würde ich in meinem Leben/Berufsleben tun oder ändern wollen, wenn ich im Lotto eine Million Euro gewonnen hätte?
2. Aufgabe: Machen Sie einen Vertrag mit sich selbst!
Wenn Sie Ihr Ziel gefunden haben, dann verpflichten Sie sich, dieses zu erreichen. Schriftlich! Es hilft, wenn Sie hierbei einen Zeitraum definieren. Unterschreiben Sie den Vertrag und legen ihn an einen besonderen Ort, ein Schmuckkästchen, ihre stets genutzte Schreibtisch-Schublade usw.
3. Aufgabe: Planen Sie Ihre Schritte!
Schauen Sie genau, was Sie brauchen, um Ihr Ziel zu erreichen. Schreiben – und das Schreiben ist hier wichtig, denn es genügt nicht, sich die Dinge nur vorzustellen – Sie auf einem Blatt Papier alle Tätigkeiten auf, die helfen können, Ihr Ziel/Ihre Lebensänderung in die Tat umzusetzen. Wenn Sie Französisch lernen wollen, kaufen Sie ein Buch, besorgen sich das aktuelle Heft der Volkshochschule, buchen einen Frankreich-Urlaub und so fort. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf. Notieren Sie unbedingt auch die kleinsten Mini-Schritte auf Ihrem Weg.
4. Aufgabe: Erstellen Sie Ihren Zeitplan!
Vorab: Achten Sie bei Ihrem Zeitplan darauf, dass Sie sich nicht überfordern. Einen komplett neuen Beruf, eine Fremdsprache zu erlernen, braucht Zeit. Auch die Umstellung gewohnter Verhaltensmuster funktioniert nicht von heute auf morgen. Geben Sie sich diese Zeit. Zeitpläne können von wenigen Wochen bis zu einem oder zwei Jahren laufen. Klassisch bekannt bei der Zielfindung und -realisierung ist der 5-Jahres-Zeitraum (wo will ich in 5 Jahren stehen?). Machen Sie kleine Kästchen auf Papier für die Wochen/Monate in Ihrem Zeitplan. Übernehmen Sie nun die Tätigkeiten aus Ihrer Planung (3. Aufgabe). Achten Sie auf eine sinnvolle zeitliche Abfolge.
5. Aufgabe: Machen Sie den ersten Schritt … innerhalb der nächsten 72 Stunden!
Sie kennen die 72-Stunden-Regel nicht? Die 72-Stunden-Regel ist DAS Mittel, um Ihren inneren Schweinehund zum Gassi-Gehen zu bewegen. Die Regel, die aus der Verhaltenspsychologie stammt, ist ganz einfach und besagt folgendes: Beginnen Sie ein neues Vorhaben innerhalb der nächsten drei Tage = 72 Stunden. Sie müssen das Projekt nicht abschließen oder zu großen Teilen erledigen. Sie müssen es nur beginnen. Tun Sie den ersten Schritt zur Umsetzung Ihrer Ideen innerhalb der nächsten drei Tage!
Je nachdem, ob Sie gerade in einer Krise feststecken oder ob ihr Leben so dahinplätschert, fragen Sie sich jetzt entweder „Schaffe ich das überhaupt?“ oder alternativ „Lohnt sich der ganze Aufwand?“.
Für alle, die nicht in einer Krise stecken, ist eine Veränderung nur ein Wunsch (falls Sie wunschlos glücklich sind: Gratulation! Das ist selten!). Allen anderen, die das Leben durch eine Krise zur Veränderung gezwungen hat, helfen sicherlich die Worte einer krisengeschüttelten Frau, die in der letzten Ausgabe vorgestellt wurde: Rosemarie B., 60 Jahre, Bad Salzuflen (Name geändert). Sie verlor ihren Mann durch Selbstmord, danach ihr Haus. Zum Schluss war sie ganz allein. Ihr Fazit: „In einem glatten Leben passiert nicht viel in der persönlichen Entwicklung. Die Krise hat mich stärker gemacht“. Text: Sylvia Kleimann

