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Kinder, wie die Zeit vergeht...

am 26. November 2009

Heute, gestern, morgen – Betrachtung zum Wesen der Zeit

Das Thema Zeit steckt voller Geheimnisse. Jeder Mensch hat ein eigenes Zeitgefühl, eine innere persönliche Zeituhr und erlebt objektiv gemessene Zeitabläufe subjektiv, je nach Situation völlig unterschiedlich. Wie schnell vergeht eine Viertelstunde, wenn einem ein unangenehmes Ereignis bevorsteht, z. B. beim Zahnarzt, und wie quälend langsam vergeht die gleiche Zeit, wenn man auf jemanden wartet, der sich verspätet hat.
Kindheitserinnerungen lassen die Jahreszeiten, den langen Sommer, den kalten Winter unendlich lang erscheinen. Die gleichen Zeitspannen vergehen mit zunehmendem Alter wie im Fluge.
Das Zeitbewusstsein entwickelt sich beim Menschen in einem mehrstufigen Prozess. Der Säugling lebt noch vollständig in der Gegenwart. Nach Heinrich Roth entwickelt sich das Zeitbewusstsein von der „Phase des naiven Zeiterlebnisses“ beim Kleinkind über die „Phase des Zeitwissens“, die ab dem Schulalter beginnt, hin bis zur „Phase der Zeiterfahrung und Zeitreflektion“ im Erwachsenenalter.

Was ist Zeit?

Ist Zeit ein Produkt von Raum und Bewegung oder existiert Bewegung nur aufgrund des Vorhandenseins der Zeit? Was ist Kausalität? Ein Produkt der Zeit oder die Zeit ein Produkt der Kausalität? Gibt es eine Gegenwart? Wenn ja, wie lange dauert sie? Ist sie nicht bereits Vergangenheit, wenn wir sie wahrnehmen? Gibt es nur eine einzige, universell gültige Zeit oder gibt es mehrere und vergehen diese immer gleich schnell? Existiert dieses Phänomen überhaupt, das wir „Zeit“ nennen? Oder spiegelt sich das nur in den Köpfen der Menschen wider? Wenn es richtig ist, dass Menschen nur das verstehen, was für sie vorstellbar ist, was sie mit ihren Sinnen erfassen können, stellt sich in der Tat die Frage: Existiert Zeit überhaupt? Obwohl Zeit weder zu riechen, weder zu fühlen, zu schmecken, zu hören noch zu sehen ist, begleitet sie ein Menschenleben von der Wiege bis zum Grabe. Sie ist deshalb, wenn auch für jeden auf unterschiedliche Weise, von steter Existenz.

Gesellschaftliche Geschichte

Die ersten systematischen Gedanken über die Zeit sind von Platon überliefert. Fast alle historischen Größen haben das Geheimnis „Zeit“ versucht zu verstehen, zu ergründen und zu beschreiben. Innerhalb der Wissenschaft hat sich Isaac Newtons Auffassung durchgesetzt. Für Isaac Newton bilden die Zeit und der Raum die „Behälter“ für Ereignisse, sie sind für ihn ebenso real und mit Eigenschaften ausgezeichnet wie die Objekte. Er definiert die Zeit mit den Worten: „Zeit ist, und sie tickt gleichmäßig von Moment zu Moment.“
Die Woche ist als erste vom Menschen geschaffene Zeiteinheit zu verstehen, die sich nicht an einem von der Natur vorgegebenen Rhythmus orientiert. Anders die Zeitbegriffe Tag, Monat, Jahr, die sich an den jahreszeitlichen Ablauf knüpfen.
Zeit und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung wurden erst mit der notwendigen Koordination größerer Verbünde notwendig. Jäger- und Sammlerkulturen kennen einen abstrakten Zeitbegriff meist nicht, wohl aber eine zeitliche Organisation, z. B. bei der Jagd auf große Beutetiere. Bei Ackerbau und Viehzucht wurde der Begriff der geplanten Zeit seit der systematischen Vermarktung von Produkten notwendig und auch empirisch erfasst.
Heute ist es bemerkenswert, dass nahezu alle industriellen Gesellschaften die Zeitmessung in Sekunden, Minuten und Stunden übernommen haben, während die Jahreszählsysteme durchaus unterschiedliche Grundlagen haben.

Die Zeitbestimmer

Die historische Entwicklung der Zeitbestimmer – Kalender und Uhren – sowie die davon unabtrennbare Entwicklung der menschlichen Erfahrung dessen, was heute „Zeit“ bedeutet – das Zeitbewusstsein –, ist ein Teil des Zivilisationsprozesses.
Zwei große Kalenderreformen prägen die abendländische Gesellschaft. Die erste Kalenderreform führt Julius Caesar 46 v. Chr. durch. Der Julianische Kalender entspricht nicht exakt dem Sonnenjahr. Das Jahr ist um 0,0078 Tage zu lang. Die sich dadurch ergebende Verschiebungen beseitigt Gregor XIII. 1582 mit einer Kalenderreform, welche von der nicht-katholischen Welt z. T. erst im 20. Jahrhundert übernommen wurde.
Kalender ermöglichen es, den lebenden Generationen ihren eigenen Platz in der Generationsabfolge präzise zu bestimmen. Kalender geben jedem Menschen zuverlässig sein genaues Alter an. Sonnen-, Sand- und Auslaufwasseruhren bestimmten Jahrhunderte die Zeitmessung. Erst im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts findet die Verbreitung mechanischer Uhren statt. Durch die Entwicklung des „Hemmungsmechanismus“ (vermutlich im klösterlichen Bereich erfunden) wurde der technische Durchbruch der mechanischen Uhr herbeigeführt.
Die Entwicklung eines Bedürfnisses nach deutlicher und zuverlässiger, stets zur Verfügung stehender Zeitgliederung und Zeitmessung findet Unterstützung durch neue Erfindungen. Dieses zeitliche Zusammentreffen von Bedarf und technischer Verwirklichung ist faszinierend. Uhren und Kalender verstärken das Zeitbewusstsein. Die funktionelle Ergänzung von Uhr und Kalender demonstrieren die heutigen Uhren mit Kalenderangabe.

Chronos – die Zeit – in der modernen Wissenschaft und Medizin.

Jeder Mensch hat seinen eigenen Zeitrhythmus. Die Fähigkeit, sich geänderten Zeitgliederungen anzupassen, ist individuell unterschiedlich groß. Die heutige Zeit verlangt diese Fähigkeit in immer stärkerem Maße. Elektrische Beleuchtung, die den Tag/Nacht-Rhythmus außer Kraft setzt, Schichtarbeiten und weltweite Flugreisen sind nur einige Beispiele. Der Mensch kann sich bewusst und zielgerichtet für einen begrenzten Zeitraum überlasten und somit seine persönlichen Zeitregelungen überspielen. Außer Kraft setzen kann er sie nicht ohne gesundheitliche Schäden zu riskieren. Wenn Leistungsversagen Folge des gestörten individuellen Zeitrhythmus ist, oder wenn Konflikte zwischen Partnern im Spiel sind, von denen der eine ein ausgesprochener Morgenmensch, der andere ein ebenso festgelegter Abendmensch ist, kann der Durchsetzungsschwächere nach und nach in eine folgenreiche Fehlregulierung geraten. Hier setzt die noch relativ junge Wissenschaft der Chronopsychologie ein. Sie beschäftigt sich mit den krank machenden Auswirkungen gestörter persönlicher Zeitgliederungen. Sie repariert sozusagen die gestörte menschliche „innere Uhr“.
Wie und aus welcher Perspektive die Zeit betrachtet wird, sie ist und bleibt ein flüchtiges, vielschichtiges Phänomen.
Karin Hehner-Rügge

             
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