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Himmelsfahrt

am 11. Mai 2010

Eine „fliegende Kugel“, so der staunende Ausruf des Königs, hob einen Weidenkorb gen Himmel, in dem sich drei Tiere befanden: Hammel, Ente und Hahn. Die Tiere überlebten das Experiment und bereits acht Wochen später fand die erste bemannte Ballonfahrt mit Menschen statt. Die damaligen Ballone waren mit Papier bespannt und erreichten bereits beachtliche Höhen zwischen 2000 und 3000 Metern.
Das „Ballonfahren wird erst richtig interessant, wenn man entweder ganz hoch fährt – über den Wolken – oder ganz niedrig, so dass man fast die Bratwurst vom Grill klauen kann.“ Wir schreiben das Jahr 2009. Die erste Ballonfahrt jährt sich zum 226. Mal. Pilot André Becker von der Luftsportschule Gerhart Berwanger aus Bielefeld und seine fünf Fahrgäste schweben gerade im letzten Abendlicht über das Schloss Wendlinghausen hinweg.
Die Erde verlassen haben sie in Lemgo. Das Ziel der Reise bestimmt der Wind, denn einen eigenen Antrieb hat ein Heißluftballon nicht. Die einzige Steuermöglichkeit ist ein Rotieren um die eigene Achse. Das Ballonfahren ist – bitte nicht verwechseln – ein FAHREN, nicht fliegen, ein sanftes Dahingleiten, Ruhe.
Um mit einem Ballon abzuheben, braucht man Feuer. Das war damals anno 1783, als das Ballonfahren noch in den Kinderschuhen steckte, so und ist es auch noch heute. Die Montgolfiers waren der Ansicht, Rauch sei das Auftriebsmittel, und bevorzugten daher stark qualmende Brennmaterialien.
Schatten Ballon Heute weiß man es besser. Heiße Luft befördert die bis zu 4 Tonnen schweren Luftfahrzeuge in die Höhe. Die Alternative sind mit Traggas, beispielsweise Helium, gefüllte Ballone. Die meisten „Himmelsfahrten“ werden hierzulande aber mit Heißluftballons unternommen.
„Raten Sie mal, wie viel kW diese beiden Brenner hier liefern“, fragt Pilot Becker in die Runde der Fahrgäste und liefert die erstaunliche Antwort gleich mit. Es sind 3.750 kW – genug Wärme, um knapp 200 Einfamilienhäuser zu heizen. Die Hitze von in der Spitze über 100 Grad Celsius im Inneren der Ballonhülle sorgt für Auftrieb. 4250 Kubikmeter heiße Luft tragen in Reisehöhen von über 2000 Metern. Und da sage noch einer: nichts als heiße Luft …
Zwei große Gebläse sorgen vor dem Start dafür, dass die Luft in die riesige Ballonhülle befördert wird. Langsam nimmt der Ballon Form an, erhebt sich. Jetzt heißt es: Alle Mann an den Korb. Er muss am Boden gehalten werden, bis der letzte Fahrgast eingestiegen ist. Zum Schluss wird das Sicherheitsseil gelöst, das als letzter Bodenanker den Ballon mit dem Begleitfahrzeug verbindet. Langsam, ganz langsam steigt der Ballon gen Himmel. Es geht nach Westen heute Abend.
Damit die Hitze erhalten bleibt, wird während der Fahrt in regelmäßigen Abständen nachgefeuert. Der mitgeführte Gasvorrat reicht für einen zweistündigen Ausflug in luftige Höhen. Heizen oder Nicht-Heizen entscheidet aber nicht über Sein oder Nicht-Sein. Selbst wenn die Brenner, die wie der gesamte Ballon nach jeweils 100 Fahrstunden TÜV-geprüft werden, komplett ausfallen, stürzt der Ballon nicht in die Tiefe. „Die maximale Sink-Geschwindigkeit beträgt 5 Meter pro Sekunde“, informiert Gerhart Berwanger, der bereits zahlreiche Piloten ausgebildet hat. Wenn damals bereits Hammel, Hahn und Ente überlebten, so ist auch das Wohlergehen der heutigen Passagiere gesichert.
Ballonfahrt
Während der Ausbildung lernt der Ballonfahrer in spe auch, dass er lediglich zwischen Sunrise und Sunset – also Sonnenaufgang und -untergang, mit dem Ballon unterwegs sein darf. Eine Nachtfluggenehmigung gibt es für Ballone nicht und so machen sich auch die Lemgoer Ausflügler kurz hinter Wendlinghausen zur Landung bereit.
Eine Wiese hinter dem Möhrenacker des Herrn von Reden hat sich Pilot Becker als Landeplatz ausgesucht. Das Begleitfahrzeug, der so genannte Verfolger, das den Ballon zum Start bringt und nach der Landung wieder „einsammelt“, ist über Funk informiert. Wieder erfahren die Fahrgäste Wissenwertes vom Piloten: „Ein Ballon ist nicht an Flugplätze gebunden. Er darf überall dort starten, wo es der Grundstücksbesitzer erlaubt. Landen darf er allerorten.“
Vorsichtshalber ergeht vor der Landung die Anweisung, sich an den Handschlaufen im Korb festzuhalten. Aber der Boden empfängt die Himmelsfahrer sanft. Der Korb bleibt aufrecht stehen. Alle Insassen werden sofort gebeten, nach dem Aussteigen den Korb von außen festzuhalten, denn die große Ballonhülle senkt sich nur ganz langsam zur Erde.
Was nun kommt, ist Teamwork. Gemeinsam wird die Luft aus der Hülle gepresst und der Stoff zusammengefaltet.
Korb Ballon Zum Schluss hat Pilot Becker sein Luftfahrzeug – zumindest das tragende Element der Hülle – auf die Größe eines XXL-Rucksacks dezimiert. Korb und Rucksack werden im Anhänger verstaut. Fertig?
Nicht ganz. Etwas Wichtiges steht zumindest den Ballonfahr-Neulingen, die an diesem Abend das erste Mal am Himmelszelt unterwegs waren, noch bevor: die Taufe. Getauft werden die „Erdwesen“ mit dem Feuer (des Feuerzeugs), das sie durch den Himmel trug, mit der Erde, zu der sie wohlbehalten zurückkehrten und mit einem kühlen Nass, das ihnen nach diesem eindrucksvollen Erlebnis besonders gut schmecken dürfte. Von diesem Tag an sind sie in den Club der edlen Aeronauten aufgenommen … Himmelsfahrer eben.
Text: Sylvia Kleimann

             
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