Haiku - ein Hype
am 27. Juli 2009
Das japanische Haiku hat keinen Titel und keinen Reim. Der Inhalt ist oftmals eine Momentaufnahme aus der Natur.
Hier ein Beispiel aus der Feder des berühmten deutschen – kürzlich verstorbenen – Haiku-Dichters Mario Fitterer:
wildkirschenblüten
einer wolke schwindendes
weiß
In Japan entstanden, ist das Haiku mittlerweile weltweit verbreitet – eine Passion, der Millionen Menschen frönen. Haikus sind auch in deutschen Dichterkreisen zum Hype geworden. Es gibt Fachzeitungen, Bücher zum Thema, Wettbewerbe und die DHG – die Deutsche Haiku Gesellschaft.
Deas Haiku entstand im Japan des 13. Jahrhunderts. Dort gab es die schöne Sitte, dass sich ein Kreis von Lyrikern versammelte und gemeinsam an einem Kettengedicht schrieb. Ein Dichter verfasste den ersten Teil. Dieser war bereits damals auf siebzehn Silben – so genannte Moren – begrenzt. Damit gab er das Thema vor. Die anderen Dichter ergänzten jeweils vierzehn Silben. Es galt stets als besondere Ehre, den Einstieg, das sogenannte Hokku, vorzugeben. Aus dem Hokku entstand das Haiku, zu deutsch „lustige Vers“.
Man kann sich vorstellen, wie japanische Dichter auf der Suche nach einem „knackigen“ Einstieg die Natur durchstreiften. Diese war in den traditionellen Gedichten zunächst das einzige Thema. Klassischerweise beschränkte sich das Gedicht auf eine einzige Jahreszeit ,angedeutet durch das „kigo“, das diese Jahreszeit beschreibende Wort. Erst sehr viel später kamen andere beispielsweise zwischenmenschliche Themen hinzu.
Das Haiku geht zurück auf die Zen-Tradition der Einfachheit, Klarheit. Zen – das Besondere im kleinsten Augenblick wahrzunehmen – spiegelt sich auf das wunderbarste in Haiku-Gedichten.
Ein Beispiel:
Die Kraniche kommen
aus der Ferne
der Duft von Flieder
(Helga Niewerth, gedichtet am 28.2.09)
Das traditionelle japanische Haiku hatte ein festes Silbenmaß. Es bestand stets aus drei Zeilen mit 5-7-5 Silben, wobei die japanischen Silben nicht mit den deutschen – die viel länger sind – verglichen werden können. In letzter Zeit hat sich zunehmend das sogenannte Freestyle-Haiku entwickelt. Es setzt sich über diese eiserne 5-7-5-Regel hinweg. Was geblieben ist, ist die Kürze: die hohe Kunst, ein Gedicht in weniger als 17 Silben zu schreiben.
Toyotama Tsuno, in Wirklichkeit der deutsche Dichter Manfred Hausmann, der sich dieses Pseudonym zulegte, hat Haiku-Gedichte zutreffend charakterisiert: „Im Ungesagten das Unsagbare sagen.“ Genau das ist es. Ein Haiku gibt durch seine Kürze, seine Beschränkung dem Leser Freiraum und die Möglichkeit, eben genau dieses Ungesagte für sich zu entdecken. Ein Haiku sollte – so hat es das Team des Hamburger Haiku-Verlages einmal beschrieben – wie folgt sein: „schlicht und klar, keine Erklärungen, keine Interpretationen oder moralisches Belehren“.
Einfachheit – Reduzierung – Haiku
Wer es selbst ausprobieren möchte, findet Anregungen und Lesetipps auf der Seite der Deutschen Haiku Gesellschaft unter
http://haiku-dhg.kulturserver-nds.de/ oder unter www.haiku-heute.de
Text: Sylvia Kleimann
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