Thema: Sport
Golf - aus medizinischer Sicht
am 26. Juli 2009
Es wird behauptet, Golfspiel finde ausschließlich im Kopf statt und sei auf eine überwiegend psychische Komponente zu begrenzen. Dies ist wohl der Grund, weshalb sich viele Autoren mit der Psyche des Golfers und des Golfspiels befassen. Folglich führen viele Golfspieler die Probleme in ihrem Spiel auf Selbstzweifel und Unsicherheit, also auf psychische Faktoren zurück. Unzufriedenheit und Frust sind unter Golfern so verbreitet, dass in den USA jährlich ca. 1 Million Golfer aus Frust über die Schwierigkeiten beim Golfschwung ihren Sport aufgeben.
Diese Begründung trifft jedoch was die rein psychischen Faktoren betrifft, nur sehr selten zu. Die körperlichen Belastungen der Gelenke, insbesondere die der großen Gelenke der unteren Extremitäten, Hüft-, Knie- und Sprunggelenke und der Wirbelsäule erreichen unvorstellbare Belastungsspitzen mit erheblichen Folgen für die Gesundheit.
Die Drehmomentbelastung beim Golfschwung ist dabei abhängig von der Schlägerkopfgeschwindigkeit, der Muskelkraft und des Körpergewichts des Spielers. Profi-Golfer erreichen eine Schlägerkopfgeschwindigkeit von ca. 200 km/h, durchschnittliche Amateure immerhin noch eine von ca. 140 km/h. Diese Werte lassen erahnen, welche gewaltigen Zentrifugal- und Drehmomentkräfte hierbei auf den Körper wirken.
An der Universität Tübingen wurden bei einem 74 kg wiegenden Golf-Pro im Knie- und Sprunggelenk bis zu 1000 Nm Drehmomentbelastung gemessen. Derartig brutale Belastungen führen zu Schäden an der Wirbelsäule, an den Hüft-, Sprung- und insbesondere an den Kniegelenken. In letzter Zeit wurde sogar über Frakturen der Schienbeine berichtet.
Es kommt allerdings nicht nur zu spontanen Verletzungen die wir alle kennen, z.B. Wirbelblockierungen, Rückenschmerzen, Muskel-, Meniskus- oder Bandverletzungen, sondern in erheblichem Umfang auch zu mittel- und langfristigen Veränderungen der Knochenstruktur mit Ermüdungsfrakturen der Unterschenkel- und Mittelfußknochen sowie zu massiven Knorpel- und damit zu Gelenkveränderungen sogar schon bei Kindern und Jugendlichen. Die erhebliche Drehbelastungen führen insbesondere in den Knie- und Sprunggelenken zum frühzeitigem Knorpelabrieb.
Golf ist nur dann ein schöner und gesunder Sport, wenn er ohne Verletzungsrisiko effizient gespielt werden kann. Voraussetzung für ein gesundes Golfspiel sind mehrere Faktoren:
A: Die Schwungtechnik zu vermitteln ist Aufgabe der Pros, die unter Beachtung biomechanischer Gegebenheiten eine belastungsfreie, zumindest aber eine belastungsarme Technik lehren und dabei insbesondere auf eine reduzierte Rotationsbelastung achten sollen. Dies kann nur erzielt werden, wenn der Spieler eine ausreichende Körperbalance mitbringt, die es zu trainieren gilt. Einfache Trainingsmöglichkeiten sind z. B. Balanceübungen auf Schaumstoffmatten. Balancebrettern oder auf speziellen golfspezifischen Balancetrainingsgeräten.
Eine erheblich reduzierte Torsionsbelastung der Gelenke ist mit dem Free-Release-Golfschuh möglich. Mit Hilfe dieses Spezialschuhs muss der Spieler nicht mehr gegen die Widerstände der unnatürlichen Gelenkverdrehungen ankämpfen. Durch den mitdrehenden Schuh ist weniger Kraft und Rotationswinkel beim Schwung erforderlich, dies führt zu erheblicher Entlastung von Sehnen, Bändern, Knochen und Gelenken. Die Verwindungskräfte werden an der Wirbelsäule von ca. 580 Nm auf 6 Nm, am Hüftgelenk von ca. 270 Nm auf 29 Nm, am Kniegelenk von ca. 1000 Nm auf ca. 1 Nm und am Sprunggelenk von ca. 1000 Nm auf ca. 10 Nm reduziert. Ein weiterer Vorteil ist die Vermeidung einer Achsverlagerung, was den Schwung einfacher und den Treffpunkt konstanter macht. Möglich wird dies durch eine engere parallele Fußstellung und die Verhinderung der Gewichtsverlagerung, da das Kniegelenk im Rückschwung gebeugt bleiben kann. – Folge ist eine Reduzierung der verschiedenen Bewegungsachsen auf eine einzige Rotationsachse durch die Körpermittelachse ohne Belastung der körpereigenen Gelenkstrukturen.
B: Eine ausgewogene gesunde Ernährung ist in jedem Sport, also auch im Golfsport eine unverzichtbare Voraussetzung, wobei sportartspezifische Besonderheiten Berücksichtigung finden müssen. Vor dem Spiel soll die Ernährung kohlenhydratreich sein, wobei die nicht sofort resorbierbaren Kohlenhydrate (Vollkornnudeln, ungeschälter Reis, Vollkornbrot) zu bevorzugen sind. Während des Spiels soll schon frühzeitig in regelmäßigen Abständen die Energiezufuhr wiederholt werden, hier eignen sich schnell resorbierbare Kohlenhydrate (Müsliriegel, besonders schnelle Energieabgabe bei Amaranth-Riegeln). Schokolade ist ungeeignet, weil der Fettgehalt die schnelle Resorption der Kohlenhydrate verhindert und Fett nicht schnell genug in Energie umgewandelt werden kann. Weiterhin ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr (mindestens 1 Liter/Spiel) zu achten. Die Getränke sollten elektrolytreich, jedoch zuckerfrei sein.
C: Der Golfsport verlangt eine ausreichende körperliche Fitness, der Schwerpunkt sollte auf Ausdauerbelastung gelegt werden. Die Belastung sollte an die Belastungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems und die der Haltungs- und Bewegungsorgane adaptiert sein. Regelmäßige sportmedizinisch-internistische und orthopädische Kontrollen erscheinen sinnvoll. Die Prophylaxe mit Chondroprotektiva wie Glucosamin kann Schäden an den Gelenken verhindern helfen. Verletzungen und Krankheiten gehören auskuriert, auch im Golfsport gilt: „Kein Sport bei Infekten und Verletzungen“.
Eine besondere Beachtung verdient das Aufwärmtraining (was häufig vernachlässigt wird !!!) Entsprechende Übungen vermitteln die Golf-Pros oder Golf-Physio-Coaches.
Dr. medic. (RO) Violeta Popa
Fachärztin für Innere Medizin, Golf-Medical-Coach (FRM)
Dr. med. Franz-Josef Schnittker
Facharzt für Orthopädie – Sportmedizin, Golf-Medical-Coach (FRM)

