Themen: Gesellschaft, Menschen
Ein Leben für die Arbeit
am 27. Juli 2009
Kein Land hat so viele „Workaholics” wie Japan. Der Beruf ist Lebensinhalt der meisten Menschen. Private Interessen wie Familie, Freizeit oder Urlaub werden wie selbstverständlich nachgeordnet. Da redet niemand von Urlaubsanspruch oder Überstundenausgleich. Im Gegenteil: „Ich bin Workaholic” wird noch im Brustton der Überzeugung gesagt. Vor der Tatsache, dass der Beruf Menschen aktiv oder passiv zum Opfer machen kann, dass Menschen sich und andere schädigen, dass es nicht mehr gelingt, das Verhalten zu modifizieren und zu kontrollieren, wer-den die Augen geschlossen. Das Land ist voll arbeitssüchtiger Menschen, die sich fast keine Muße, keine Freizeit und keine Ferien gönnen, weil sie meinen, sich so etwas nicht leisten zu können.
Japanische Berufstätige haben es schwer, befriedigende und erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen fern vom Prinzip der Arbeit herzustellen. Das zeichnet sie gerade als Workaholics aus. Sie sind in einen inneren Zwang hineingewachsen und stecken darin fest. Dieser zwanghafte Drang, arbeiten zu müssen, macht es ihnen unmöglich, runterzuschalten und zur Ruhe zu kommen, und selbst, wenn sie anders leben möchten, können sie es nicht.
Diese Menschen sind aus dem Gleichgewicht geraten. Das richtige Maß für ihren Berufseinsatz ist ihnen verloren gegangen. Das hat zur Folge, dass sie abhängig von Arbeit werden. Sie brauchen den Beruf, um die Löcher, die in ihrer Persönlichkeit entstanden sind, zu stopfen, und sie brauchen den Stress, um sich auf Touren zu halten.
Das gilt auch für die Freizeit oder die wenigen Urlaubstage, die ihnen zur Verfügung stehen. Japaner sind ständig auf Achse. Schon in ihrer Kindheit haben sie trainiert, mit wenig Schlaf auszukommen und Schlafdefizite durch Nickerchen im Zug zu kompensieren. Dann taumeln sie hin und her und liegen dem rechten oder linken Sitznachbarn auf der Schulter, der sie entweder wohlwollend ruhen lässt oder sich verärgert einen anderen Sitzplatz sucht. Für europäische Gäste befremdliche und teilweise lustige Szenen, undenkbar in ihrer Heimat. So erlebt man übermüdete Gestalten in der Rushhour der Tokioter U-Bahnen oder in den Stadtbahnen, die die Millionenstädte Yokohama, Saitama und Chiba mit der Hauptstadt-Metropole Tokio verbinden.
Die Menschen haben ständig ein Programm. Sie sind stolz darauf, dass ihre Terminkalender auch im Privatbereich ausgebucht sind. Wenn sie überhaupt in Urlaub fahren, dann haben sie auch dort wieder sehr viele Aktivitäten oder Programme, die sie absolvieren müssen. Und in der Regel übernachten sie jeden Abend in einem anderen Hotel oder Gasthof. So sind sie überhaupt nicht mehr imstande, zur Ruhe zu kommen. Und noch immer gilt die Regel, die wenigen Urlaubstage möglichst dem Arbeitgeber zurück zu schenken.
Japanische Arbeitnehmer gelten als fleißig, erfolgreich und zielstrebig. Dabei wird allzu leicht und gern übersehen, dass durch dieses über mehrere Generationen antrainierte Verhalten vielfältige Folgekosten entstehen: körperliche und seelische Erkrankungen, verursacht durch den Raubbau an der eigenen Gesundheit.
Unter dem Strich sind die Kosten allemal höher als der Nutzen. Fatal ist jedoch, dass eine strahlende Leistungsbilanz letztlich nicht über die Defizite der Lebensbilanz hinwegtäuschen kann. Am Ende erweist sich der Beruf für die Workaholics und ihre Umgebung als lebenszerstörender Götze, der zwar Segen verspricht, aber letztlich nur Opfer nimmt. Das Suchtverhalten und seine verhängnisvolle Billigung oder Duldung gehen dabei eine unheilvolle Symbiose ein.
Nur in Japan gibt es die Diagnose „karoshi”, das heißt Tod durch Überarbeitung. Doch auch die Tatsache, dass bereits ein japanischer Ministerpräsident, Shunichi Obuchi, an Überarbeitung starb, er hatte über 60 Stunden ohne Schlaf durchgearbeitet, lässt die Japaner nicht aus der Sucht der Workaholics erwachen.
Auch zunehmend junge Firmenangestellte sterben an karoshi oder erleiden lebensgefährliche Hirnblutungen, deren Ursache auf Überarbeitung zurückgeführt wird. Einige Familien in der Nishi Chiba-Gemeinde sind von diesem Schicksal betroffen.
Pfarrer, mit denen ich durch Pfarrkonvente, Fortbildungen oder Synoden in Kontakt komme, sind vielfach extrem überarbeitet. Auch sie könnten im Brustton der Überzeugung sagen, dass sie Workaholics seien. Bei ihnen kommt noch ein ganz starkes Sich-berufen-Fühlen hinzu, das ihnen im Weg steht, wenn es darum geht, für sich selbst zum Beispiel persönliche Urlaubstage zu nehmen. Viele von ihnen haben Ablehnung oder Unverständnis der eigenen Familie erfahren, einige wurden aufgrund ihrer Entscheidung zum Pfarrberuf aus ihrer Familie ausgestoßen, weil die Familie den enormen Arbeitseinsatz voraussah. Auch der Vater von Pastor Kishita, mit dem ich seit fast 15 Jahren zusammen arbeite, hat diese Erfahrung gemacht. Die Folge davon ist dann löblich, aber auch schädlich: um jeden Preis der Berufung bis zum letzten treu zu bleiben.
Das starke Berufungsbewusstsein führt dazu, dass Pfarrer sich oft als Berufschristen verstehen. Ihr Arbeitgeber ist Gott höchstpersönlich. Von daher kommt das Thema „Relativierung des Berufes” bei ihnen nicht an. Das wäre ja ein Nicht-Ernstnehmen der eigenen Berufung.
Für sie, als hauptamtliche Christusnachfolger, bedeutet „Dasselbe machen, aber anders”, frei nach Joh. 21, 1-14, nämlich „das Auswerfen der Netze zur anderen Seite”, einfach „Menschen anders sehen”. Das heißt, jeder Fremde, jedes Nicht-Gemeindeglied ist letztlich potentielles Gemeindeglied. Darum wird um jeden Menschen gerungen, im Dienst und im Gebet. Darum gibt es keinen Ort, wo der Pfarrer nicht im Dienst ist. Er muss nicht nur ein Allround-Genie sein, sondern muss auch 24 Stunden im Dienst stehen und geht ohne Murren nachts um 2.00 Uhr zum Gebet für ein Gemeindeglied ins Krankenhaus oder zu den Angehörigen eines gerade Verstorbenen, um zu trösten. Frei nach der ersten Benediktregel ist es so interpretierbar: „Nichts ist der Berufung vorzuziehen.”
Dabei gilt, wenn immer es um Reichgottesarbeit geht, das Prinzip: „Niemals nein sagen”. Dahinter steckt die Angst, als Folge des Neinsagens niemals mehr gefragt zu werden. Und diese Angst ist berechtigt. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht: Jahrelang habe ich die Adventsgottesdienste für die Absolventinnen der Hiroshima-Universität gehalten. Doch im Jahr 2001 war mein Terminkalender für Dezember so voll, dass ich nicht noch diesen Termin dazwischen drängen wollte und „nein” sagte. Seitdem hat man mich nie wieder darum gebeten.
Bedaure ich japanische Kollegen, weil sie so einen vollen Terminkalender haben, sagen sie in der Regel, sie seien dankbar für so viele Chancen, den Samen des Evangeliums säen zu dürfen. Ich müsse sie nicht bedauern, ihr Dienst für das Reich Gottes mache ihnen viel Freude. Und sie wirken dabei noch nicht einmal gestresst, sondern strahlen auf den ersten Blick einen ansteckenden Frieden aus.
Wie es mir als Ausländerin in der gleichen Situation damit geht, dass die Kollegen meinen, ständig im aktiven Dienst für den Herrn sein zu müssen? Zunächst wollte ich den japanischen Kollegen eine Japanerin werden. Das klappte ziemlich lange, bis vor ein paar Jahren, auch sehr gut. Doch dann bin ich an meine Grenzen gekommen und lebe seitdem einen anderen Stil. Ich nehme den mir zustehenden Jahresurlaub, ob wohl die Kollegen ihn nicht nehmen. Einer unserer Kirchenvorsteher mit langjähriger Auslandserfahrung hat mich ermutigt: „Machen Sie weiter so. Die japanischen Pfarrer müssen von Ihnen lernen. Seien Sie Vorbild”.
Text: Gudrun Scheer
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