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Thema:

Das Streben nach Glück

am 10. April 2010

Wenn wir von Glück sprechen, müssen wir – sofern wir uns der deutschen Sprache bedienen – zwischen Glück im Sinne des glücklichen Geschicks und Glück als Seelenzustand unterscheiden. Oder anders gesagt: In Deutschland macht es die fehlende terminologische Unterscheidung der ansonsten lobenswert trennscharfen deutschen Sprache schwierig zu entscheiden, ob jemand Glück hat oder glücklich ist.

Zweierlei Glück

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Glück sprechen? Meinen wir Wohlstand oder einen Zustand innerer Ruhe und Zufriedenheit? Ist Glück Gesundheit oder Geld oder eine Kombination aus allem? In unserer Gesellschaft ist der Begriff Glück fast untrennbar mit finanziellem Erfolg verknüpft. Auch wenn Millionen ihr Glück Woche für Woche beim Lottospielen suchen, ist in der westlichen Gesellschaft das Streben nach Glück in erster Linie gleichgesetzt mit dem Erlangen von Wohlstand durch Bildung und Arbeit. In den USA sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gar in der Verfassung als Grundrechte des Menschen verankert. In diesem Land, das den Traum des Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär zu seinem Markenzeichen gemacht hat, ist das Glück noch stärker an wirtschaftlichen Erfolg gekoppelt als bei uns.

Ist jeder seines Glückes Schmied?

Appius Claudius Caecus, römischer Konsul zwischen 307 und 296 v. Chr., schrieb in einem Gedicht: „fabrum esse suae quemque fortunae“ – jeder sei der Schmied seines Glückes, oder präziser gesagt: seines Schicksals. Ob der gute Mann damit wirklich jeden meinte? Eher nicht, mag man vermuten, da die römische Gesellschaft doch Sklaven, Frauen und andere außerhalb des Rechts stehende Gruppen umfasste, deren Mitglieder wohl kaum selbst an ihrem Schicksal schmieden durften. Aber weit gefehlt: Appius war tatsächlich erstaunlich fortschrittlich. Durch seine Reform des römischen Rechts ermöglichte er freigelassenen Sklaven die Teilnahme an Wahlen und den Kindern Freigelassener sogar die Aufnahme in den Senat. Insofern ist das Sprichwort bei ihm durchaus nicht euphemistisch zu verstehen – auch wenn er Frauen nicht berücksichtigte. Ganz nebenbei bemerkt bekamen Frauen in Deutschland auch erst 1918 und im Schweizer Kanton Appenzell sogar erst 1990 das Wahlrecht.

Heutzutage wird das Sprichwort vom Glück schmieden immer noch gerne verwendet. Allerdings geht es nicht mehr einher mit der Schaffung neuer Möglichkeiten für Benachteiligte. Zwar wird immer wieder die Chancengleichheit in diesem unserem Lande betont, gleichzeitig wird aber de facto der Zugang zu adäquater Bildung immer stärker von monetären Aspekten geprägt. Was ja auch die OECD erkannt und bemängelt hat. Was wiederum nicht viel zu sagen hat, weil es ja genug kluge deutsche Politiker gibt, die keine Mühen scheuen, die Ergebnisse der Studien umzudeuten. Und schließlich tun wir doch was für die Chancengleichheit! Wir fördern und fordern, fordern und fördern, fordern statt fördern, kein Fordern ohne Fördern oder fördern durch fordern. Je nach politischer Couleur oder Geisteshaltung verfolgt uns diese Formel. Längst ist sie zu einem bildungspolitischen Schlagwort geworden, dessen ursprünglicher bildungspolitischer Hintergrund kaum noch beachtet wird.

Der Weg zum Glück führt in unserer Gesellschaft wie bereits erwähnt über Bildung und Arbeit. Nehmen wir einfach mal an, dass tatsächlich jeder seines Glückes Schmied ist und damit sein Schicksal selbst beeinflussen kann. Wie bitte schön soll jemand schmieden, wenn kein Hammer da ist und auch das Feuer fehlt? Wenn das Geld für die notwendige Bildung fehlt? Wenn die soziale Herkunft sich als Schranke erweist? Ergo muss zumindest dafür gesorgt werden, dass jedem die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen. Wenn aber weiterhin Schulen verrotten und Mittel für die Förderung Benachteiligter gestrichen werden, entfernen wir uns immer weiter von einer wirklichen Chancengleichheit. Und wenn Expertenmeinungen zum Trotz eine weitere Kürzung der ALG II-Bezüge gefordert wird, dann grenzt jeder Hinweis auf das Sprichwort an Zynismus – allerdings von der anderen Seite kommend. Nur wenn eine wirkliche Chancengleichheit gegeben ist, kann jeder wirklich selbst an seinem Glück arbeiten. Alles andere erinnert stark an das Marie Antoinette nachgesagte Zitat: „Sie haben kein Brot? Sollen sie doch Kuchen essen!“ Die Folgen dieser Einstellung dürften dem geschichtsbewanderten Leser bekannt sein…

Das Streben nach Glück

Und wie sieht es mit dem anderen Glück aus? Dem Glücklichsein als Zustand innerer Ausgeglichenheit und Zufriedenheit? Unsere Gesellschaft wird überflutet von Bildern glücklicher Menschen, die sich lächelnd morgens aus dem Bett schwingen, um nach einem duftenden Kaffee scheinbar schwerelos in komfortablen Automobilen an ihre glänzenden Arbeitsplätze gleiten, nur um nach getaner Arbeit mit ebenso fröhlichen Freunden diversen exklusiven Freizeitaktivitäten nachzugehen. Um diesen Vorbildern der Medienwelt nachzueifern, nehmen wir teil am ewigen Rennen nach immer größerem Wohlstand, nach immer neuen Errungenschaften der Technik, die uns das Leben leichter und schöner machen sollen, und nach immer neuen Wegen, den ultimativen Kick zu finden. Wir wollen alles – und zwar sofort. Selbst die Slow-Food-Bewegung ist letztlich auch nur ein weiteres Angebot auf der Suche nach Glück. Und wenn die Befriedigung nicht schnell genug kommt, wechseln wir eben zu Rohkost.

Wenn uns dann die ganze moderne Technik und die neuen Vergnügungen zu hektisch und bunt werden und die Befriedigung weiterhin ausbleibt, wenden wir uns schnell mal den spirituellen Werten im Leben zu. Die neue Begeisterung für den Papst, das zunehmende Interesse am Islam und der ungebrochene Trend zu fernöstlichen Heilslehren können als Indikatoren für ein wachsendes Bedürfnis nach höheren Werten gewertet werden. Aber auch hier gilt häufig das gleiche Motto: Schneller, höher, weiter! Also zappen wir mal eben durch die vier großen Weltreligionen, surfen noch mal kurz über die fernöstlichen spirituellen Wellen, nehmen noch eine Prise indianischer und afrikanischer Kulturen – alles auf der Suche nach dem Glück. Bei der Vielfalt der vermeintlichen Glücksbringer und unserem immer hektischeren Streben nach Glück übersehen wir aber vielleicht das wahre, alltägliche Glück.

Ich halte es da ganz mit Dan Turèll, dem viel zu früh verstorbenen dänischen Dichter und Lebenskünstler:

Ich mag den Alltag,
am liebsten mag ich den Alltag.
Das langsame Aufwachen mit der vertrauten Aussicht,
die doch niemals ganz vertraut ist,
mit den gleichzeitig gewohnten und durch die Tiefe
des Schlafes fremden Gesichtern der Familie,
die Morgenküsse, das Geräusch der Post im Flur,
den Kaffeeduft, die rituelle Wanderung zum Kaufmann
an der Ecke für Milch, Zigaretten, Zeitungen –
Ich mag den Alltag trotz all seiner Irritationen…

Autor: Stefan Schwarck

             
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