Thema: Natur
"Aman Iman - Leben ist Wasser"
am 25. August 2009
Eine Entwicklungshelferin aus Lemgo berichtet über ihr Leben in der Sahelzone
„Tägliche Dusche? Da stehen mir die Haare zu Berge. Man kann auch mit Waschen sauber bleiben – die Menge Wasser macht es nicht allein!“, sagt Dr. Antje Bartelsmeier. Seit den 90er Jahren lebt und arbeitet die gebürtige Lemgoerin als Entwicklungshelferin, Beraterin und Wissenschaftlerin in der Sahelzone am Südrand der Sahara in Afrika. Sie ist mit nomadischen Tierhaltern (Fulbe, Tuareg) gewandert. Dabei bestimmt der Umgang mit dem kostbaren Gut Wasser den Alltag.
Vom täglichen Kampf um das Wasser im Leben von nomadischen Tierhaltern und sesshaften Bauern berichtet die ausgebildete Landwirtin, Agraringenieurin und Ethnologin in ihren Vorträgen und Seminaren/Tagungen. Sylvia Kleimann ließ sich von der heute in den Alpen lebenden Hirtin und Sennerin erzählen, was es bedeutet, wenn Wasser nicht aus dem Wasserhahn kommt und es selten Trinkwasserqualität hat.
In der Sahelzone und anderen Trockengebieten der Welt ist die extensive Wandertierhaltung mit der ständigen Suche nach Wasser und Weide
die einzig mögliche und angepasste Wirtschaftsweise. Sie hat jahrtausendealte Tradition.

Das Ziehen von Wasserstelle zu Wasserstelle und Weidefläche zu Weidefläche ist das tägliche Brot der Nomaden. Die Wasserstellen – permanente und nicht-permanente, nur in der Regenzeit existierende – sind die Lebensadern in den Trockenzonen. In der Sahelzone (die sich am Südrand der Sahara erstreckt – im Westen von Senegal/Mauretanien bis zum Sudan im Osten…) regnet es oft unter 350 mm im Jahr. Zum Vergleich: Im Allgäu fallen 2000 Millimeter pro Jahr, in Lippe 800. Sesshafte Landwirtschaft ist in diesen Trockengebieten nur mit höchstem Risiko möglich, da die Niederschläge meist sehr unregelmäßig in Menge und zeitlichem Abstand fallen. Vertrocknung und Überschwemmung sind möglich.
Entsprechend schwierig ist es für Mensch und Tier, an Wasser zu kommen. Die klassische Wasserstelle ist das offene Gewässer. Seit jeher werden traditionelle Brunnen gegraben, die oft über 100 m tief sind. Die enorme Tiefe und die nur notdürftige Abstützung der oberen Erdschichten mit Hölzern bedingt Einsturzgefahr. Nicht wenige Menschen werden beim traditionellen Brunnenbau immer wieder verschüttet.
Mit einem Eimer, Leder- oder Plastiksack, der über eine Winde abgelassen wird, fördert man das Wasser entweder mit eigener Muskelkraft oder mit Hilfe von Eseln, Ochsen oder Kamelen (Dromedare) zu Tage. Die großen Gefäße fassen teilweise 60 bis 100 Liter. Sie werden von den Männern für das Tränken der Tiere benutzt.
Zahlen machen den großen Wasserbedarf der Tiere deutlich. Bartelsmeier: „Bei uns säuft eine Kuh am Tag 80 Liter. Sie braucht viel Wasser für die Umsetzung in Milch. Ziegen und Schafe brauchen zwar nicht so viel Wasser, aber ihre Art des Grasens ist weniger schonend für die empfindliche Grasnarbe. Wenn eine Fulbe-Familie eine Herde von 40 Tieren hat, kann man sich ungefähr vorstellen, wie viel Mühe hier die Wasserbeschaffung macht, wenn die Tiere nicht zu einer offenen Wasserstelle getrieben werden können, sondern Brunnenwasser benötigen. Da die Weiden – besonders in der Trockenzeit – oft weit entfernt liegen, können die Tiere manchmal sogar nur alle zwei Tage getränkt werden. Reiche Herdenbesitzer (Händler oder Politiker) können Wasserwagen zu ihren Tieren fahren lassen, aber sie müssen auch nicht von der Tierhaltung leben!
Moderne Brunnen sind mit Brunnenringen aufgesetzt. Pumpen, zum Teil mit Solarenergie oder durch mechanische Einrichtungen betrieben, fördern das Wasser. Was sich modern anhört, hat auch Nachteile, Nachteile für die ärmere Bevölkerung.
Früher hatte jeder ein Recht auf Wasser. „Es ist in den Trockenzonen der Erde traditionell so, dass der Zugang zum Wasser niemand verwehrt werden darf“, erklärt Dr. Bartelsmeier. Heute gehören die modernen Brunnen oftmals jemandem, der Geld in die Wasserstelle investierte und den Brunnen nun für sich beansprucht. Teilweise verlangt der Eigentümer Geld für die Benutzung des Brunnens – und zwar nicht für das Wasser, sondern für die Erneuerung und Reparatur der technischen Geräte. Aber die Menschen meinen, dass sie das Wasser bezahlen müssten.
Das Wasserholen für den täglichen menschlichen Bedarf und den an den Wohnstätten verbliebenen Tieren ist sowohl bei sesshaften Bauern als auch bei nomadischen Tierhaltern die Arbeit der Frauen und Kinder. Je nach Entfernung der Brunnen und Transport- und Lagerkapazität ist es spätestens alle zwei Tage fällig. Bereits kleine Kinder ab einem Alter von 4 Jahren helfen dabei. Da es nicht in jedem Dorf einen Brunnen gibt, sammeln sich oftmals schon vor dem Morgengrauen die Frauen und Kinder, um gemeinsam den Weg zur Wasserstelle zu gehen. Dieser Weg kann bis zu zwei Stunden dauern und länger.
Transportiert wird das kostbare Nass entweder mit Gefäßen, die auf dem Kopf (Eimer mit 20 bis 30 Litern) getragen werden oder mit Eseln. Die Gefäße – das sind Ziegenbälge oder Lkw-Schläuche und in den heutigen, modernen Zeiten auch Plastik-Kanister. Die Ziegenhaut als Transport- und Aufbewahrungsmittel hört sich unhygienischer an, als sie tatsächlich ist, bemerkt Bartelsmeier und erklärt: „In den Ziegenschläuchen bleibt das Wasser kühl. Dieses Wasser ist immer noch hygienischer als das aus einem Kanister, in dem sich durch die Wärme viel mehr Bakterien entwickeln. Beim Ziegenbalg verdunstet immer etwas. Das Wasser daraus schmeckt verhältnismäßig frisch und angenehm, außer, wenn es ein ganz neuer Balg ist.“
Stichwort Hygiene. Behandlungen des Wassers mit Chlor oder Untersuchungen wie wir sie kennen, gibt es in den ländlichen Gebieten der Sahelzone nicht. Das Wasser wird, wenn vorhanden, durch Filter gegossen gegen den Guinea-Wurm. Der Guinea-Wurm lebt in stehenden Gewässern und bei Aufnahme von ungefiltertem Wasser werden winzige Krebse aufgenommen. Diese setzen Larven im Magen frei. Das Endstadium der Erkrankung beschreibt Bartelsmeier drastisch: „Die bis zu einem Meter langen Würmer brechen, wie beim Bild des Aesculap-Stabes, durch die Haut an den Beinen.“
Abhilfe schafft ein Filter. „Diese Filter sind banal billig. Es gibt sogar eine ganz leichte Version für die Hirten. Aber sie werden meiner Meinung nach noch viel zu wenig verteilt“, sagt die Entwicklungshelferin. Aufklärungskampagnen haben mittlerweile dazu geführt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung das Wasser wenigstens durch ein Tuch „filtert“. Auch Dr. Bartelsmeier war während ihres Lebens mit den Fulbe-Nomaden dazu gezwungen, Wasser aus stehenden Gewässern zu trinken. „Ich habe es durch meinen Turban gefiltert, den ich immer dabei hatte, und vermutlich einfach Glück gehabt, dass ich nicht krank wurde“, sagt sie, die lediglich einige Male an Malaria litt und nie Durchfälle hatte. Wasser abzukochen ist aus energetischen Gründen für die Nomaden der Sahelzone nicht möglich. Es gibt schlichtweg zu wenig Holz, um ein Feuer zu machen – von Elektrizität und Gas gar nicht zu reden.
Aus diesem Grund wird das Wasser „roh“ getrunken. Bei Brunnenwasser sei das relativ unkritisch – wenn es denn aus einem Brunnen mit hohem Rand stammt, der nicht durch starke äußere Verunreinigung beeinträchtigt ist – erklärt Bartelsmeier. Offene Wasserstellen wie Regenzeitseen (flache, seichte Gewässer mit hoher Verdunstung) seien jedoch stark verschmutzt, da sie als Viehtränken benutzt werden. Auch vor dem Genuss des Wassers der wenigen, permanent Wasser führenden Flüsse, wie dem Niger, wird gewarnt. Erkrankungen von Typhus bis Bilharziose, eine Wurmkrankheit, drohen.
Dem Wasser in den Städten steht die Entwicklungshelferin persönlich sehr skeptisch gegenüber. Zwar werde Chlor beigesetzt, aber Kläranlagen für Abwasser gäbe es häufig nicht. In größeren Orten sei zwar der Zugang zu Wasser in die Häuser verbessert worden, jedoch das benutzte Wasser der WCs und Duschen werde selten in Klärgruben, sondern oft einfach auf die Straße geleitet. „Und da ist es dann mit dem Verbrauch nicht anders als bei uns: Je mehr Wasser vorhanden ist, desto mehr wird auch verwendet“, sagt Bartelsmeier. Das Resultat seien Matschwege als „ Krankheitsschleudern“. WasserVERsorgung … verbessert, aber AbwasserENTsorgung … Fehlanzeige.
Warum Wasserversorgung auch eine Sünde sein kann, erklärt Dr. Bartelsmeier: „Es ist unverantwortlich, wenn in Trockengebieten, wo es heiß ist, Menschen – oftmals Touristen – drei Mal am Tag duschen. Für Trockenregionen ist das Schlimmste die Einführung eines WC – Wasserklosetts. Sauberes Trinkwasser, – oft phreatisches Wasser –, so heißt das Ursprungswasser, das aus 800 Meter Tiefe stammt – wird hier verschwendet. Dieses Ursprungswasser ist aber eine endliche Ressource. Irgendwann sind die Vorräte der Erde erschöpft.“ In ihrem Entwicklungshelfer-Haus hatte Dr. Bartelsmeier daher sowohl für sich alsauch für die Angestellten eine Trocken-Toilette. „Geduscht“ wurde mit Wasser, das aus einem Eimer geschöpft und über den Körper verteilt wurde. Mit den Nomaden unterwegs, gab es für die Entwicklungshelferin tagelang nicht einmal die Möglichkeit, sich zu waschen. Bartelsmeier: „Da war ich froh, wenn ich zum Zähneputzen Wasser hatte und ein wenig, um mich unter den Armen zu befeuchten.“ Das war es dann mit der Wäsche.
Auch in ihrem heutigen Leben hat Wasser für die als Hirtin, Sennerin, Dozentin und Beraterin für ländliche Entwicklung und Ressourcenschutz Arbeitende einen hohen Stellenwert – einen psychologischen Wert, wie Bartelsmeier selbst sagt. Anfang Juni wird sie wieder auf die Alp gehen als Sennerin. Und auch dort, hoch oben in den Bergen, gibt es Wohnstätten, in denen es keinen Hauswasseranschluss gibt. „Da musst du dir eine Leitung legen von einem Bach, der weiter oben am Berg Gletscherwasser führt, oder eine Quelle anzapfen“, sagt Dr. Bartelsmeier, die dieses Jahr den Alp-Sommer in der Schweiz verbringen wird.
Ob sie dann, wie bei einem ihrer früheren Alp-Aufenthalte, das Wasser mit Kannen 100 Meter weit den Berg hinauftragen muss, weiß sie noch nicht. Aber eines ist gewiss: Wasser aus Wand – ist auch dort keine Selbstverständlichkeit.
Text: Sylvia Kleimann

